A Golden Legacy

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16 Jan A Golden Legacy

Claire Goldsmith zwischen Familienlegende und einer neuen Generation des Brillendesigns

Als Nachfolgerin eines 80jährigen Familienbetriebs der Luxusliga, hat Claire Goldsmith Segen und Fluch zugleich geerbt. Ihr Ur-Großvater gründete 1926 das Label Oliver Goldsmith, dessen innovative Sonnenbrillendesigns von den 50ern bis in die 70er Ikonen wie Audrey Hepburn, Grace Kelly, Peter Sellers und die Rolling Stones schmücken sollten. Oliver Goldsmith machte die Sonnenbrille zum Fashion-Item und gilt damit als unsterblich. Nach einem Prinzessinnen-Schlummerschlaf erweckte Claire Goldsmith 2006 das Brillenlabel wieder zum Leben, reanimierte den Vintage Geist der alten Zeit und begann an ihrer ersten eigenen Kollektion zu arbeiten. Heute lebt und arbeitet die 36jährige Besitzerin von CG: Claire Goldsmith Eyewear und OG: Oliver Goldsmith Sunglasses in London und erzählt uns von einem teils geebneten, teils steinigen Weg aus einer Familienlegende in die Selbstverwirklichung.

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Hi Claire! Danke, dass Du Dir Zeit für uns nimmst. Was brennt auf Deinem Schreibtisch gerade am meisten?
Eigentlich jonglieren wir immer mit diversen To Do’s: Order verschicken, Qualitätsprüfungen, Kundenbetreuung, Planungen für die nächste Saison, Produktionsleitung, auf Messen ausstellen, Reisen, den Brand voranbringen – und es hört nie auf. Aber im Moment entwerfe ich gerade die nächste Claire Goldsmith Kollektion, wir bringen jeweils zwei Kollektionen pro Jahr heraus und das steht immer an erster Stelle. Der Name Goldsmith birgt so viele Geschichten und Legenden, dennoch müssen wir hart daran arbeiten, dass CG als neues Label wahrgenommen wird. Wir stecken all unsere Kreativität und Kraft daran, ein starkes Label zu kreieren.

In welchem Moment wurde Dir klar, dass Brillendesign Dein Beruf sein wird?
Ich wusste schon immer, dass ich nicht für jemand anderen arbeiten möchte. Ich wollte nicht ein Irgendjemand in einer großen Firma sein. Das war der Motor, mein eigener Boss zu werden und mit Leuten zusammenzuarbeiten, die so ticken wie ich. An der Uni studierte ich Einzelhandel und Marketing und fing an, mich für Luxusprodukte zu interessieren. Ich entwickelte eine große Begeisterung dafür, mich in die Brands hineinzudenken, wie sie arbeiteten und warum. Mich faszinierte dabei, dass eine Marke im Prinzip nur die Abkürzung seiner Werte, Qualität und Standards ist, die sie in ihre Produkte injizieren. So sollte es zumindest sein.

Kannst Du Dich an den Moment erinnern, als Du das erste Mal mit dem Thema Brillen in Berührung kamst?
Ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern, dass ich jemals KEINEN Kontakt zu diesem Thema hatte! Mein ganzes Leben lang hatte ich durch meine Familie damit zu tun. Ich weiß noch, wie ich als ein kleines Mädchen mitbekam, dass mein Vater Tüten voll mit Brillenmustern zu Hause lagerte. Die Leute kamen oft mit ihren kaputten Brillen zu uns, mein Vater holte dann den Fön heraus, erwärmte die Rahmen und bog sie in die perfekte Passform.

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Das heißt, Du hast den Wirbel um die Marke Goldsmith schon damals direkt mitbekommen?
Aber total! Jedes Mal, wenn unsere Schule für die Weihnachtsverlosung nach Spenden fragte, haben wir eine teure Oliver Goldsmith Sonnenbrille beigetragen. Ich erinnere mich, als meine Eltern in den Buckingham Palace zur Royal Christmas Party eingeladen wurden (wir haben die Royals ausgestattet) und meine Mutter danach mit einer zerbrochenen Sonnenbrille auf der Nase nach Hause kam. Sie tanzte aufgeregt durchs Wohnzimmer und ich fragte meinen Dad, was mit ihr los sei: “Oh, die Brille gehört Prinzessin Diana. Sie brachte sie mit zur Party und fragte uns, ob wir sie richten könnten”, erzählte er mir völlig gelassen.

Wie war das damals für Dich?
So wie für jedes andere Kind auch – nur dass es halt mehr um Brillen ging! Vielleicht erlebt man auch mehr Leidenschaft, weil man vielleicht einfach mehr mitbekommt als in Nicht-Familienunternehmen. Wenn das Geschäft nicht gut lief, hat man das zu Hause sofort gespürt. Auf der anderen Seite war es wahnsinnig aufregend, wenn es gut lief – denn es ist dein Eigenes! Ein Unternehmen zu führen, ist immer schwer und ich als Nachfolgerin eines erfolgreichen Familienunternehmens verspüre noch mehr Druck, diese Erfolgsgeschichte fortzuführen. So ein geebneter Weg macht es dir nicht automatisch leichter.

Und wie ging Dein Weg?
Oliver Goldsmith Sunglasses lief seit den frühen 80ern nicht mehr richtig. Nach der Uni begann ich intensiv zu recherchieren und begriff, dass das Label trotzdem noch immer Wertigkeit behalten hatte – Designstudenten weltweit wurde Oliver Goldsmith als Lehrstoff vermittelt. Als ich 2006 den Relaunch startete, war das Label in einem, sagen wir, ruhenden Zustand. Ich wollte meine eigenen Ideen mit dem Designanspruch von Oliver Goldsmith zusammenbringen, so begann ein neuer Weg: mein eigenes Brillenlabel CG und der Relaunch von Oliver Goldsmith Sunglasses. Das mit dem Brillendesign hat sich ganz natürlich entwickelt. Ich bin zwar keine gelernte Designerin, aber ich habe sehr genaue Vorstellungen und, wenn ich ein Konzept habe, kann ich es auch umsetzen. Vier Jahre lang habe ich Goldsmith Vintage Designs aus dem Archiv neu aufgelegt, bis der Wunsch aufkam ganz neue, eigene Designs zu entwerfen. Ein weiser Mann sagte mir mal: „Du kannst nicht in Allem gut sein, also finde deine Stärken und umgib dich mit talentierten Menschen, die dein Können ergänzen.”

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Wo und wie arbeitet Ihr denn?
Wir haben ein großes Büro im Norden Londons, in dem die meisten von uns arbeiten. Wir sind mittlerweile 10 Leute, in jeder Abteilung sitzen zwei. Ich arbeite mit dem talentiertesten Design- und Produktionsteam zusammen und bin stolz, Teil dieses Ganzen zu sein. All unsere Arbeit basiert auf diesem tollen Team. Ich fürchte, das sage ich ihnen nicht oft genug. Seit sieben Jahren haben wir unseren Laden in Notting Hill, einer entspannten und gleichzeitig lebhaften Ecke Londons. Wenn ich die Möglichkeit habe, arbeite ich von dort und das genieße ich sehr. Es ist eine der letzten kunstgewerblichen Ecken Londons ohne große Ladenketten, stattdessen kleine, individuelle Shops, Galerien und Cafés.

Dein Urgroßvater ist P. Oliver Goldsmith, ein Pionier des Brillendesigns, der einige der bedeutendsten Brillenformen des letzten Jahrhunderts entworfen hat. Wie viel Einfluss hat es auf das, was Du jetzt tust?!
Ich bin sehr stolz auf das Erbe meiner Familie und kann mich glücklich schätzen, dass man mir damit die Möglichkeit gegeben hat, nicht nur ein Vermächtnis fortzuführen, sondern mir auch eine Plattform gegeben wurde, meine eigene Kollektion zu produzieren. Die Goldsmiths arbeiten jetzt seit vier Generationen daran, dass Brillendesign niemals langweilig wird. Für unsere Produkte und das Geschäft gab es immer einen wesentlichen Ethos: Stil, Qualität und Komfort. Als Tochter und Enkelin trage ich zwar die Goldsmith-DNA in mir, bin aber trotzdem ein anderer Mensch. So ist es auch mit CG: Claire Goldsmith: Die Marke hat die gleiche DNA wie OG: Oliver Goldsmith Sunglasses, hat aber eine ganz eigene Ästhetik, Attitüde und Richtung. In dieser Branche spielte der Name Goldsmith immer eine Rolle. Deshalb bin ich heute hier und mache diesen Job.

Hatten es Deine Vorfahren leichter im Brillenbusiness?
Als mein Großvater anfing, begab er sich auf Entdeckungsreise, so wie ich auch. Aber für ihn war alles neu: die Materialien, die Meinung der Öffentlichkeit – niemand hatte zuvor solche Sonnenbrillen gesehen! Das ist jetzt anders, der Markt ist riesig und gesättigt, mit etlichen Labels und Lizenzen. Die Auswahl für den Konsumenten ist überwältigend und du musst wesentlich härter daran arbeiten, um etwas Herausragendes zu erschaffen. Dinge und Meinungen ändern sich, aber das Fashionkarussell dreht sich immer weiter.

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Welche Rolle spielten Celebrities damals für OG und heute für CG?
Man muss nur mal die Situationen vergleichen: Als mein Großvater begann, mit den Celebrities der 60er zusammen zu arbeiten, war das etwas völlig Neues. Heute gibt es unzählige Superstars und ein sehr mächtiges Social Networking. Unsere Beziehung zu Promis war also schon immer wichtig und in erster Linie wechselseitig. Ich sag’s mal so: wir würden niemals dafür bezahlen, dass ein Promi unsere Brillen trägt und haben es auch nie getan.

Wie würdest Du das Design von CG in drei Wörtern beschrieben?
Zeitgenössisch. Vorausdenkend. Künftige Klassiker. Ich hoffe, CG ist das, was wir in Zukunft Vintage nennen werden.

Erzähl uns von Deiner ersten, selbstdesignten Kollektion.
Meine erste optische Brillenkollektion für das Label CG hieß „Legacy“. Dafür habe ich eng mit meinen Designern Jesse Stevens und Brian McGinn zusammengearbeitet. Es war eine echt tolle Erfahrung und herausfordernd, denn ich wusste sehr genau, welche Ästhetik ich wollte. Ich musste eine Identität für CG entwickeln und sicherstellen, dass die Kollektion diese widerspiegelt. Ich wollte immer, dass die Kollektion ihren eigenen Look hat, aber trotzdem die Qualität und Details erfüllt, die man von einer Goldsmith erwartet. Das haben wir geschafft und brachten die Kollektion 2006 erfolgreich heraus und erweitern die Kollektion seitdem bis heute.

Wie stellt sich Eure Produktpalette zusammen?
Es gibt drei Kollektionen: mit Oliver Goldsmith Sunglasses machen wir die bekannten Sonnenbrillen im Vintage Style der 50er, 60er und 70er. Dann gibt es noch unsere neueste Kollektion OG Mini Icons, bei der wir auch mit den alten Klassikern arbeiten und diese als Kindermodelle auflegen. Wir haben uns mit ZEISS Kids zusammengetan und sind eine der wenigen Firmen, die ihre spezielle Linsentechnologie für Kids Sonnenbrillen verwenden. So gesehen ist es das beste Label für Kindersonnenbrillen, das es auf dem Markt gibt. Und die dritte Kollektion ist auch die spannendste: CG: Claire Goldsmith mit optischen Brillen und Sonnenbrillen. Neu, frisch, innovativ, kreativ, lebendig. Die aktuelle Kollektion besteht aus 25 optischen Modellen und zur MIDO 2013 stellen wir sechs CG Sonnenbrillenmodelle vor – mit dem Ziel, bald auch 25 Sonnenbrillen anbieten zu können. Damit haben wir bei CG eine vollständige Produktlinie und einen berechtigten Platz im Luxuslabelsektor.

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Was treibt Dich zu neuen Ideen?!
Mich inspiriert alles von meinen britischen Wurzeln, meinem Leben in London bis zu Architektur, Technik, Autos. Ich lese und fotografiere viel, hänge alle Schnipsel in mein Büro an die Wand. Ich habe ein Mood Board mit Schuhen, Handtaschen, Klamotten, Hüten, Möbeln, Inneneinrichtungen, Produkten, Menschen, Gebäuden. Was mich zuletzt am meisten beeindruckt hat, ist der wohl inspirierendste Blog in puncto Design: Yo-Homes (www.yo.co.uk).

Was kostet so ein „echter“ Goldsmith?
Unsere Rahmen kosten zwischen £266 und £295. Ein individuell angefertigter Rahmen fängt bei £550 an und kann bis zu £1.500 kosten.

Gibt es originale Oliver Goldsmith Vintage Modelle aus Eurem Archiv zu kaufen?
Nein, unser Archiv ist unverkäuflich. Wir haben eine der umfangreichsten Oliver Goldsmith Sammlungen der Welt und das sind unverkäufliche Ausstellungsstücke. Wenn man auf eBay nach alten OG Vintage Rahmen Ausschau hält, werden dort Preise aufgerufen, die ihren Seltenheitswert nur bestätigen. Unsere Vintage-Sammlung ist sehr wichtig für uns und deshalb achten wir darauf, dass sie für die Folgegenerationen erhalten bleibt.

Euer Unternehmen arbeitet mit Handwerksunternehmen aus England, Italien, Japan und Deutschland zusammen. Wie wichtig ist das Herstellungsland für Dich?
Es herrscht heutzutage ein großes Missverständnis zwischen Qualität und Preis. Viele gehen davon aus, dass, wenn etwas in China produziert wurde, die Qualität in der Regel schlecht und, wenn etwas aus Japan kommt, sie sehr hoch ist. Aber man kann tatsächlich auch miese Qualität aus Japan und wiederum gute Qualität aus China bekommen. Ich denke, es ist viel wichtiger, wer etwas macht, anstatt zu schauen, wo etwas gemacht wird.

Wie vermarktet Ihr Eure Brillen?
Für mich ist PR immer mehr als nur die klassische Betreuung der Presse, Blogs und Anzeigen – es geht dabei auch um den Kunden. Man sollte die Wichtigkeit von Empfehlungen nicht unterschätzen, deshalb bauen wir enge Verhältnisse zu Journalisten und Autoren auf.

Wo kann man CG Eyewear überall kaufen?
Unsere wichtigsten Märkte sind UK, USA und Europa. Wir sind zwar auch in Asien präsent, aber da hoffen wir, dass wir in den kommenden Jahren noch weiter expandieren – wie auch in Russland, Südamerika und Indien.

Gibt es den typischen CG Kunden?
Unsere Kunden sind vielseitig. Abgesehen von der Kids Kollektion, verkaufe ich Rahmen an 16-Jährige wie auch an 80-Jährige und alles, was dazwischen liegt. Das liegt in erster Linie an den klassisch-zeitlosen Modellen, die den Faktor „Fashion“ umgehen und direkt in der Style-Liga landen.

Wie viele Brillen besitzt Du persönlich?
Puh, keine Ahnung – ziemlich viele! Ich trage sehr gerne Brillen von anderen Designern. Ich fände es ziemlich arrogant, nur meine eigenen Brillen zu tragen. Ich habe ein Paar MYKITA, und ich bin ein großer Fan von DITA, davon besitze ich auch ein Paar. Meine Leisure Society Aviators sind superluxuriös und von mir heißgeliebt. GRAZ ist ein Name der Branche, auf den man auf jeden Fall achten sollte. Ich besitze eine Sonnenbrille von ISSON, ein tolles Team aus Australien. Und es gibt ein Label namens FINEST SEVEN – die sind so besonders, dass ich sie eigentlich am liebsten als Geheimnis für mich behalten würde!

Wenn Du schon dabei bist, was ist gerade noch so heiß auf dem Brillenmarkt?
Es gibt so viele tolle Brands und Designer da draußen. Unter ihnen auch die „Neue Generation“ mit GRAZ, GARRET LEIGHT (Sohn von Larry Leight), Jérémy Tarian (Sohn von Alain Mikli) oder Thierry Lasry (Sohn von Harry Lasry) – alles Designer mit einer tollen Vorgeschichte, die ihren eigenen Weg in der Branche gehen. Es ist sehr spannend, diese jungen Talente auf ihrem Weg zu beobachten.

Was wird künftig für den Brillenmarkt wichtig sein?
Ich glaube, dass viele neue Materialien auf den Markt kommen werden. Es ist noch nicht lange her, als es noch keine hölzernen Rahmen gab, heute machen es ganz viele Labels. Und weil es so viele gibt, muss jeder sehr hart arbeiten, um etwas Einzigartiges und Besonderes zu schaffen. Die Kunden erwarten mehr von ihrer Brille als vor noch 10 oder 20 Jahren. Und wir hoffen, dass unsere Palette genau das hergibt.

Welche Trends siehst Du für 2013?
Ich denke bei Brillen ist es ähnlich wie in der Mode: Es wird immer Krasses oder weniger Aufregendes geben – aber am Ende des Tages bleiben klassische Formen unschlagbar. Wir bemühen uns, in dieser Kategorie weiterzumachen. Wir können zwar nicht alles, aber wir hoffen, eine der Besten in unserem Genre zu sein.