Shane Baum Interview

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16 Okt Shane Baum Interview

Text: Agi Habryka

Coco Chanel hat mal gesagt “Lebenskunst ist die Kunst des richtigen Weglassens”. Hätte sie zu ihren Lebzeiten den Brillendesigner Shane Baum getroffen, wäre dieser schrecklich schlaue Leitsatz vermutlich ihm und seiner Lebensphilosophie gewidmet worden.

Shane Baum hat reduziert. Stilistisch allen Schnickschnack, der vom Wesentlichen ablenkt. Optisch hingegen hat er addiert, oder wie man so schön sagt “ordentlich einen drauf gelegt”. Und die Kunst des Ganzen? Ist das Ganze. Purismus, gepaart mit luxuriösem, optischen Standard. Schlichtheit, die so elegant ist, dass man spontan an ganz große Namen denkt; an die Coolness einer Greta Garbo, an die göttliche Eleganz einer Grace Kelly und an die unverwechselbare Schönheit einer Chaterine Deneuve. Wie geht das?
Mit sehr hohem Anspruch. Die im Jahr 2010 gelaunchte Leisure Society Kollektion sei die aufwendigste Linie, die er je produziert habe, bekennt Shane Baum zufrieden. Er versteht sich dabei als traditionstreu und « auf dem Boden geblieben ». Das ist kein Widerspruch, wie man zunächst vermuten könnte. Es ist eine dieser Erfolgsgeschichten, die von Fleiss, Visionen und Träumen handeln. Baum entspringt der Einfalt einer Kleinstadt, studiert ohne Begeisterung Industrie-Design und beginnt dann in schier unermüdlicher DIY-Manier die Branche kennen und schätzen zu lernen. Seine Erfahrungen sammelt er zunächst in dem Unternehmen seines Freudes Mossimo Giannulli, indem er sich hocharbeitet. Mit 26 Jahren ist Shane Vize Präsident der Mossimo eyewear division. Die Firmenpleite dieses Unternehmens kommentiert der Designer mit Pathos und psychologischem Kalkül: “Auf dem Weg nach unten habe ich mehr gelernt als auf dem Weg nach oben.” Sorgen muss man sich um den talentierten Mr. Baum aber nicht machen. Es folgen namenhafte Stationen mit seiner 2001 gegründeten Firma Baumvision: ein Lizenz-Deal mit Paul Frank, eine Kollektion für Modern Amusement, eine Zusammenarbeit mit Original Penguin und Louis Vuitton… Stein für Stein wird die Reputation aufgebaut. Stein für Stein der Weg nach ganz oben gepflastert. Globale Grenzen ausgeschlossen.
Als kulturbeflissen wird er beschrieben, der Shane Baum, der auf eine fast schon unheimliche Art und Weise “retro” wirkt, mit seinem klassischen Dandy-Look in gut sitzenden, maßgeschneiderten Anzügen. Warum auch nicht? Schöngeist, der er ist, kann er sich den Kosmos, in dem er flaniert, getrost aussuchen. Angekommen in einer Liga, in der man Luxus nicht nur definieren, sondern auch materiell umsetzen kann, produziert Shane Baum mit Leisure Society heute High End Produkte, die an Qualität kaum zu überbieten sind. Shane, Mitglied der CFDA (Council of Fashion Designers of America), hat das high quality level zum Standard ausgerufen. Jedes Gestell seiner retro-orientierten Linie ist handgefertigt, mit 12, 18 oder 24 Karat Gold veredelt, poliert, aus 100 Prozent Titan hergestellt und pro Style auf 75 Stück limitiert. Die Linsen sind polarisiert (CR-39), zu 100 Prozent UVA/UVB geschützt und mit dem anti-scretch Diamond Coat ™ überzogen. Wen wundern da Begeisterungsrufe sowie rang- und namenhafte Fans wie Justin Timberlake, Gwen Stefani, Rihanna und Kanye West? Zwischen 500 US Dollar und 50.000 US Dollar (für customized Sonderanfertigungen) kosten sie, die kleinen Luxusgüter, die, glaubt man Mr. Baum, eine Investition fürs Leben sind.
Das ist monumentales, aber zeitloses Denken. Das ist Eleganz und Stil. Das ist irgendwie romantisch. Das ist Leisure Society.

Mr. Baum, als ich angefangen habe, über Sie zu recherchieren, ist mir aufgefallen, dass Sie sehr offen mit Ihren Interviewpartnern umgehen. Sie erzählen viel Persönliches. Das ist natürlich der Traum eines jeden Journalisten. Aber woher kommt die Bereitschaft, so viel aus Ihrem Leben zu berichten? Über Träume, Niederlagen und Erfahrungen?
Nun, zunächst einmal: Das Leben ist doch gar nicht so komplex, wie viele es aussehen lassen. Und wenn man es reduzieren müsste und wir uns darauf einigen, dass wir alle, egal ob Angelina Jolie oder irgendein Typ, der in einer heruntergekommen Baracke lebt, dasselbe Ziel haben – nämlich Glück, Zufriedenheit und alles dazwischen – dann wird es einfacher, sich zu öffnen. Dann ist es einfacher, Dinge auszusprechen und die Wahrheit zu sagen.

Dann beginnen wir doch mit der Beschreibung Ihrer Person. Wie sind Sie?
Unnahbar, ehrlich, unreif, egoistisch, loyal, zufrieden, liebevoll, einfühlsam, trocken, sarkastisch, echt, positiv, sehr, sehr positiv…

Und wie bleiben Sie sich treu?
Ich stelle mir manchmal vor, jemand anderes zu sein – jemand, der mich hasst. Es ist doch menschlich, jemanden aufzubauen, um ihn dann quasi zu demontieren. Wenn man versucht, sich selber von diesem negativen menschlichen Status aus zu betrachten, beginnt man automatisch, sich verbessern zu wollen.

Wie romantisch sind Sie, Mr. Baum?
Sehr! Ich bin eine alte Seele, die vollherzig an die manchmal wirklichkeitsfremde Romantik der Vergangenheit glaubt!  

Ist Luxus ein Privileg?
Natürlich! Luxus ist Überfluss – Dinge, die man nicht wirklich braucht, aber gerne hätte.

Und ist Qualität zwangsläufig ein Luxusgut?
Das ist der Grat, auf dem ich mich bewege. Luxus um des Luxus willen ist ostentativ. Qualität, die Luxus beinhaltet, kann bedeuten, dass man ein besseres Produkt in den Händen hält, als man eigentlich braucht. Wir haben unseren Fokus darauf gelegt, wunderschöne Produkte von außergewöhnlicher Qualität herzustellen.

Erklären Sie uns bitte die Essenz von Leisure Society.
Es ist die Erfüllung meines Lebens. Ich will jetzt nicht missmutig klingen, aber ich bin davon überzeugt, dass man auf seinem Sterbebett an genau drei Dinge denkt: an die Familie, an die Freunde und an die Zeit, die man mit ihnen verbracht hat. Und alles andere wird keine Bedeutung mehr haben. Auf dieser Prämisse basiert Leisure Society. Es geht um die besonderen Momente, mit den Menschen, die man liebt, in absoluter Muße und Erholung. Eines noch: man sollte sich nicht klassifizieren. Leisure Society ist nicht klassen- und einkommensspezifisch. Sicher, Fliegen mit einem Privatjet ist toll, jedoch genauso toll wie das Nacktbaden in einer Bergquelle.

Und was ist das Alleinstellungsmerkmal der Linie?
Traditionelles Design. Jede einzelne Entscheidung, die getroffen wurde, haben wir genau bedacht, nämlich im Hinblick auf Produkte, die für die Ewigkeit halten sollen. Sie sind mit Titan und Gold beschlagen, haben polarisierte Gläser, werden im Lederetui geliefert. Das sind alles wertvolle Materialien. Und wenn man etwas aus diesen Materialien herstellt, dann fühlt es sich irgendwie nach „mehr“ an. Das Beste vom Besten! Ein sehr einfaches Konzept.

Was ist Ihnen als Designer sehr wichtig?
Integrität, Weiterentwicklung und ein gutes Miteinander.

Wie perfektionistisch gehen Sie dabei vor?
Mir ist es wichtig, einen guten Job zu machen. Nichts ist perfekt.

Das bedeutet, es gibt auch nicht DEN perfekten Shape?
Es gibt viele Menschen, die glauben, die Aviator sei sehr nah an DEM perfekten Shape dran. In der Tat, sieht sie an ziemlich vielen Leuten ziemlich gut aus.

Ich habe gehört, Sie sind Musikliebhaber. Wie wichtig ist Musik für Ihren kreativen Schaffungsprozess?
Superwichtig! Unsere Firma ist voller Musikliebhaber und ich rede nicht von subtiler Liebe. Viele unserer Firmenevents finden auf Konzerten statt und in unseren Geschäftsräumen läuft von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ein Schwall von Independent Music durch unsere Lautsprecher. Wir benennen Gestelle nach unseren Lieblingssongs, wir versuchen ziemlich obskure Musiker dazu einzuladen, unsere Brillen zu tragen. Mindestens die Hälfte aller Mitarbeiter macht Musik oder spielt sogar in Bands – deswegen funktioniert das auch so gut.

Wenn man Ihrem Leben einen Soundtrack zuordnen müsste, wie würde dieser lauten?
Er sollte klingen wie „True Love Ways“ von Buddy Holly.

Wie wichtig ist die Kombination von Optik und modischen Aspekten für Ihre Designs?
Es ist sehr schwierig. Es gab nicht viel Innovation auf dem Markt diesbezüglich in den letzten Dekaden. Ich glaube, dass etwas an Vintage Eyewear fasziniert, es sind die aufwendigen Details und die spezialisierten Fertigungsmittel, die in der Vergangenheit für die Herstellung benutzt wurden.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Louis Vuitton gekommen?
Mit dieser Erklärung muss ich wirklich vorsichtig sein. Mark Jacobs ist der Designer bei Vuitton. Ich durfte lediglich die Zeichnungen meiner Entwürfe für mein Portfolio behalten. Viel mehr kann ich fast nicht dazu sagen. Sie haben mich am Anfang sehr genau inspiziert, haben meine Arbeit genau unter die Lupe genommen. Dieses Unternehmen ist sehr elegant, voller wunerbarer Individuen. Ich habe höchsten Respekt vor jedem Mitarbeiter dort.

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Fashion und High Fashion?
High Fashion ist es nur, wenn ein bestimmtes Level an Originalität und kompetenter Qualität erreicht wird. Es schockiert mich, wie viel in dieser Brache kopiert wird. Es schockiert mich sogar sehr…

Mit wem teilen Sie Ihre Visionen und Ideen, Mr. Baum?
Meistens mit meinem Team. Ich höre meinen Mitarbeitern sehr aufmerksam zu. Die meisten von ihnen sind sehr talentiert und absolut bei der Sache und es wäre sehr arrogant von mir, ihre Einwände zu ignorieren. Das Bewusstsein eines Kollektivs ist besser, als das eines einzelnen Mannes. Aber am Ende des Tages ist es an dem einzelnen Mann, den entscheidenden Anruf zu tätigen.

Wer ist für Sie die inspirierendste Persönlichkeit, mit der Sie bisher gearbeitet haben?
Bill Barton von Barton Perriera hat mir eine Menge beigebracht. Mein Agent Phillip Tison ist auch eine sehr inspirative Person, in seiner Hingabe, Arbeitsmoral und seinem Einsatz.

Mit wem würden Sie gerne mal zusammenarbeiten?
Mit Michelangelo.

Aha. Und aktuell? Was steht aktuell auf dem Kreativplan?
Eine Kollaboration mit Rebecca Minkoff. Sie ist eine unfassbar talentierte Designerin und zauberhafte Person! Wir haben bereits erfolgreich zusammen gearbeitet.

Wenn Sie anfangen, kreativ zu arbeiten, woran denken Sie dann explizit?
Ich versuche mir vorzustellen, was die anderen kreieren, nur um sicher zu gehen, dass ich es anders mache. Originalität ist unser wichtigstes Ziel.

Wie beginnt denn ein Schaffungsprozess bei Ihnen?
Wir durchforsten immer wieder unser Archiv und arbeiten dann an bestehenden Ideen. Wir haben tausende von Zeichnungen im Archiv, da gibt es also noch viele unausgeschöpfte Möglichkeiten. Wir verschaffen uns immer einen Überblick über das, was es da draußen alles gibt: Farben, Beschaffenheiten, Formen, Ikonen … Nach und nach erneuern wir unsere Grundidee, bis eine neue Kollektion geboren wird.

Bereuen Sie etwas? Würden Sie gar etwas anders machen, wenn Sie die Chance erhalten würden?
Ich bin mit der Entwicklung der Firma eigentlich sehr zufrieden. Wir haben uns unsere Zeit genommen, haben sichergestellt, dass die Entscheidungen sich richtig angefühlt haben. Mit jeder Linie, die wir zu Papier gebracht haben.

Fühlen Sie sich und Ihre Arbeit wertgeschätzt? Ich meine, ganz abgesehen, von der Art der Wertschätzung in Form eines Kaufs.
Nun, es gibt so unglaublich viele tolle Produkte da draußen. Ich glaube, die Leute, die aufmerksam sind, die werden erkennen, dass ich sehr hart und innovativ arbeite und mich mit Integrität dem Designprozess hingebe.

In 20 Jahren…
…werde ich hoffentlich umringt sein von Menschen, die mich lieben!

Haben Sie das Gefühl, privilegiert zu sein?
Weit mehr als das! Aus einer Kleinstadt, mit knapp 2500 Einwohnern stammend, in den, äh, (zusammenzuckend) Jet Set zu springen, weltweit herumzukommen und mit den lustigsten und talentiertesten Menschen zu arbeiten, und das alles mit einem gewissen Komfort… das ist wirklich ein Traum!

Das heißt, es gibt keine unerfüllten Träume mehr?
Oh doch, viele. Jedes Mal, wenn ich mich an etwas heranwage, fühlt es sich so an, als ob ich gerade erst los lege.